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Gegenwart 2006 - heute

2011-10-10 Manchmal ist Heimat ein unbekanntes Land

Geschrieben von Hartmut Rieck.

Pressebericht: Nürnberger Nachrichten, EXTRA SCHÜLER, 10.10.2011
Warum das Thema Integration in einer „Multikulti-Klasse“ kein Thema ist und "fremd" ein Fremdwort ist.

 
Foto: Stefan Hippel, NN

Mit 37 Nationen in eine Schule gehen, lernen in einer „Multikulti-Klasse“, in der der rechte Banknachbar Russisch und der linke Türkisch als Muttersprache hat, aufwachsen mit der deutschen Kultur und der aus dem Heimatland der Eltern: Für Jugendliche mit Migrationshintergrund ist das Alltag. Ein Problem ist es für die wenigsten.

 


Die 3. Stunde hat gerade begonnen. In der 10. Klasse von Lehrerin Kerstin Kröner an der Nürnberger Sperberschule sitzt eine bunte Truppe am Tische-Hufeisen: Da ist beispielsweise Amtur (15), deren Eltern aus Pakistan stammen. Oder die Brüder Mark und Gleb (beide 17), die mit ihren Eltern vor vier Jahren aus Russland nach Nürnberg kamen. Oder Omar (17), in Bayreuth geboren, Sohn eines Türken und einer Polin.

So verschieden ihre Herkunft, so unterschiedlich die Kultur der Famile – die 17 Mädels und Jungs haben ein gemeinsames Ziel: die Mittelschule mit der Mittleren Reife abschließen.
Zusammen lernen, egal ob der Nebenmann dunkle Haut oder schwarzes Haar hat, ist für die Jugendlichen normal. Gedanken machen sie sich darüber nur, weil die Frau von der Zeitung zu Gast ist. „Keiner hier ist irgendwie nationalitätsbesessen“, sagt Ramona (16), die Einzige mit ausschließlich deutschen Wurzeln in der Klasse, deren Herz für Frankreich schlägt.

Doch da ist noch Giovanni, ein blonder Lockenschopf, der sagt: „Die Herkunft spielt bei unserem Umgang keine Rolle.“ Weil er sich nicht an den errechneten Geburtstermin hielt, kam Giovanni im Italienurlaub auf die Welt – und schwups hatte er neben der deutschen auch die italienische Staatsangehörigkeit. „In vier Jahren will ich nach Italien“, sagt Giovanni (18), „für immer.“

Viele sind in Deutschland geboren, gehen in Deutschland zur Schule, sprechen die Sprache akzentfrei, werden hier eine Ausbildung beginnen, vielleicht eine Familie gründen. Bei der Frage, ob sie sich als Deutsche fühlen, muss kaum einer in der Klasse länger als eine Sekunde nachdenken. „Ich bin Türke, 100 Prozent“, sagt Tayfun, der einen türkischen Vater und eine deutsche Mutter hat. „Meine ganze Familie ist italienisch, ich bin italienisch. Ich schaue genauso aus wie mein Vater!“ Auch Fabrizio (17), in Nürnberg geboren, Sohn eines Italieners und einer Deutschen, hat einen klaren Standpunkt. Und selbst Omar mit den buschigen dunklen Augenbrauen, der bei seiner polnischen Mutter lebt und kaum türkisch spricht, sagt: „Ich bin froh, dass ich nicht wie ein Deutscher aussehe.“

Ihr Leben in Deutschland sehen die Jugendlichen als Selbstverständlichkeit. Das erlebt auch Thomas Reichert, Rektor von 367 Schülern, von denen 73 Prozent einen Migrationshintergrund haben. „Fragen Sie die Schüler doch mal, was wir hier an der Schule alles für die Integration tun“, sagt er. „Die Schüler wissen es kaum. Das ist doch der beste Beweis, dass es gut läuft.“

Als Last sieht es keiner der Jugendlichen mit zwei Kulturen aufzuwachsen. „Ich glaube, Politiker machen um das Thema Integration viel zu viel Wirbel“, findet Giovanni, „alle sollten da mal locker werden.“ Manche Mitschüler nicken. „Kinder integrieren sich doch automatisch, wenn sie in die Schule gehen“, meint auch Sergej (17), geboren in Kirgisien, seit 16 Jahren in Deutschland. „Integrieren heißt aber ja nicht, die Kultur seiner Heimat aufzugeben.“

Und wo ist Heimat, wenn man schon 16 von 17 Lebensjahren in Deutschland lebt? „Ich bin Russe!“, sagt Sergej, der es gut findet, dass er sich mit den neuen Klassenkameraden Mark und Gleb auch auf Russisch unterhalten kann.
Yeboah (17) war noch nie in „seinem Land“ Ghana. „Ich würd’s gerne mal sehen“, sagt er, „aber in Deutschland sind alle meine Freunde.“ Wie Yeboah sieht auch Amtur Pakistan als „ihr Land“. Öfters hat sie die Ferien bei den Verwandten verbracht. „Am Ende ist es immer traurig und ich würde gerne bleiben. Aber eigentlich kann ich mir nicht vorstellen, für immer dort zu leben.“

Leben mit zwei oder mehr Kulturen ist vor allem eins: Ein Leben, bei dem zwei oder mehr Herzen in der Brust schlagen. KRISTINA BANASCH

Nürnberger Nachrichten, 10.10.2011
Quelle: www.szene-extra.de, 10.10.2011

Die Sperberschule ist zertifizierter Projektpartner der Musikpädagogik an der Universität Erlangen-Nürnberg.

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